Johann Wolfgang von Goethe
GEDICHTE
1827

23.  Aus fremden Sprachen

       Das Sträußchen
             Altböhmisch.

         Wehet ein Lüftchen
      Aus fürstlichen Wäldern;
      Da läufet das Mädchen,
      Da läuft es zum Bach,
      Schöpft in beschlagne
      Eimer das Wasser.

      Vorsichtig, bedächtig
      Versteht sie zu schöpfen.
      Am Flusse zum Mädchen
      Schwimmet ein Sträußchen,
      Ein duftiges Sträußchen
      Von Veilchen und Rosen.

        "Wenn ich, du holdes
      Blümchen, es wüßte,
      Wer dich gepflanzet
      In lockeren Boden;
      Wahrlich! dem gäb'ich
      Ein goldnes Ringlein.

        Wenn ich, du holdes
      Sträußchen, es wüßte,
      Wer dich mit zartem
      Baste gebunden;
      Wahrlich! dem gäb'ich
      Die Nadel vom Haare.

        Wenn ich, du holdes
      Blümchen, es wüßte,
      Wer in den kühlen
      Bach dich geworfen;
      Wahrlich! dem gäb'ich
      Mein Kränzlein vom Haupte."

        Und so verfolgt sie
      Das eilende Sträußchen,
      Sie eilet vorauf ihm,
      Versucht es zu fangen:
      Da fällt, ach! Da fällt sie
      Ins kühlige Wasser.

Johann Wolfgang von Goethe:  Gedichte.
Vollständinge Ausgabe letzter Hand, Bd. 1-4. Stuttgart und Tübingen (Cotta). 1827.
©  Jaroslav Gagan
©  Česká společnost rukopisná