VORBEMERKUNGEN (Text aus Jahre 1936)
Die altböhmischen
Handschriften von Zelená Hora (Grünberg) und Dvùr Králové
(Königinhof) sind Pergamentfragmente, benannt nach den Orten, wo
sie im Jahre 1817 aufgefunden wurden. Es sind dies augenscheinlich
Reste mittelalterlicher Sammlungen von epischen
In allen Werken über böhmische Literatur, besonders in jenen, welche zur Information des Auslandes bestimmt sind, werden beide Handschriften als Machwerke junger böhmischer Patrioten aus der Zeit des Neuerwachens des böhmischen Volkes bezeichnet. Diese jungen Männer, Václav Hanka und Josef Linda hatten angeblich die Absicht die damals an Belegen arme altböhmische Literatur nach dem Muster der romantischen Fälschungen Macphersons zu bereichen. Sie haben angeblich ihre eigenen neuböhmischen Dichtungen ins Altböhmische übersetzt und in mittelalterlicher Schrift auf altes Pergament geschrieben, das sie sich beschafft hätten. Die realistischen Sprachforscher behaupten, dass sich die Mehrzahl der Abweichungen von der altböhmischen Grammatik nicht anders erklären lasse. Diese Behauptung ist nach den bisheringen Erfahrungen strittig und das umsomehr als die erdrückende Mehrzahl der für "unmöglich" oder "unbelegt" erklärten Worte in anderen, zur Zeit der Auffindung der beiden Handschriften unbekannten Urkunden und Dichtungen, aufgefunden wurde. Übrigens kann man doch nicht auf einem "argumentum ex ignorantiam" bauen, denn beide Handschriften sind dialektischer Art. Andere Gelehrte begründen die Fä1schungen mit ihrem angeblich typisch romantischen Geist voll Macphersonscher Romantik und Herderscher Ideologie.
Der moderne, real denkende Mensch gesteht auf Grundlage von Tattsachen, dass auch im Mittelalter Motive möglich waren, welche wir heute als romantisch bezeichnen, ja er gibt auch die Möglichkeit eines wahren geistigen Wunders zu, schliesst aber die Möglichkeit eines materiellen Wunders aus. Er kann also die Grünberger Handschrift (G. H.) und die Königinhofer Handschrift (K. H.) auf Grund von chemischen Tatsachen nicht als Fälschungen erklären.
Die G. H. und die K. H. haben den Aufschwung der Nationalkultur and das Selbstbewusstsein des böhmischen Volkes in bewunderungswürdiger Weise gefördert. Auch einer der deutschen Dichterfürsten, J. W. von Goethe, hat ihnen seine Achtung als bodenständigen Werken altböhmischen Geistes gezollt. Die Meister der böhmischen Vetrskunst haben sich durchwegs für unfähig erklärt, etwas diesen Dichtungen ähnliches zu verfassen, diesen Dichtungen, welche heutzutage offiziell für Machwerke geradezu obskurer junger Schriftstellcr erklärt werden.
In den ersten 50 Jahren nach ihrer Auffindung, resp. so später Wertschätzung wurden diese Handschriften in die Mehrzahl der europäuschen Sprachen übersetzt. Angriffe gegen ihre Echtheit waren mehrmals unternommen woren, die Einwendungen wurden aber immer wieder gründlich widerlegt. Der letzte Kampfabschnitt begann im J. 1886 und dauert bis heute.
Wie ist das möglich? Der auf dem Sandboden falscher Beweisgründe fundierte Widerstand müsste doch vom Jahre 1886 längst überwunden sein! Da wolle wohl bemerkt werden: Die Verteidiger der Echtheit sind seit langem wüstem Kulturterror ausgesetzt. Ihr, auf Grundlage unermüdlicher Studien insbesondere auf dem Gebiete der exakten Wissenschaften erlangtes Wissen büsen sie selbst mit ihrer Existenz. Die offizielle der Gegner, ihre Erben und Anhänger verbreiten über sie die ärgsten Verleumdungen. Gegen die Handschriften werden heutzutage mit ernster Miene die stumpfsinnigsten Einwendungen erdacht, welche anderswo höchstens mitleidiges Lächeln verursachen würden. Die beliebteste Waffe in diesem wissenschaftlichen, standrechtlich geführten Kampfe gegen ernste Beweisgründe ist das planmässige Totschweigen, wiewohl es den Verteidigern gelungen ist, die überwiegende Mehrzahk der sprachwissenschaftlichen und geschichtlichen Einwendungen zu widerlegen und überdies gegen die auf blossen Indizien und wahrem Klatsch ähnlichen Vermutungen gegründete Fälschungstheorie eine Reihe von gewichtige Beweisen anzuführen, welche nicht widerlegt wurden und sugenscheinlich auch nicht widerlegt werden können!
Den werten, deutschsprechen Interessent wird im Folgenden eine Reihe der wichtigsten schon veröffentlichten Artikel im Auszug unterbreitet, in welchen die eben erwähnten Beweise behandelt werden.
Die, auf der philosophischen Fakultät der Prager Karlsuniversität vereinten Gegner verschieben immer wieder die schon seit langem angekündigte Zusammenfassung und endgittige Formulirung aller Einwendungen gegen die Echtheit der Handschriften Schon einigemale war die erregte öffentliche Meinung mit dem Hinweis darauf beschwichtigt worden, es sind aber wieder drei Jahre verstrichen und ihre gemeinsame Arbeit erscheint nicht. Es ist dies zum Schaden für Kultur und Sitte, weil diese Handschriften einen der Grundpfeiler der böhmischen literarischen Kultur bilden.
Aus diesem Grunde haben die Verteidiger selbst die Initiative ergriffen: Sie hahen gegen die Verleumder die tschechoslowakische Gesellechaft für die Handschriftenforschung (Èeskoslovenská spoleènost rukopisná) gegründet, deren Programm darin besteht, auf streng wissenschaftlichem Wege dieses hundertjährige Problem seiner endgiltigen Lösung zuzuführen und sämtliches zu seiner Beleuchtung nötige Material zusammenzufassen. Wir wollen durchaus nicht zum Glauben an die Echtheit der besprochenen Handschriften überreden; sondern neues Interesse für die, in ihrer eigentlichen Bedeutung fast vergessenen, vernachlässigten Handschriften erwacken und naeh Möglichkeit dazu beitragen, dass sich jeder ein unvoreingenommenes Urteil bilden kann. In vollster Überzeugung der Unvoreingenommenheit der wissenschaftlichen Kreise auch ausserhalb unseres Staates ersuchen wir diese um gefällige Unterstützung durch Bekanntgabe methodischer Vergleichungen in ähnlichen Fällen der Prüfung alter Urkunden. Die Wege mögen verschieden sein, aber in der Wahrheit werden wir alle einig werden.